BYE BYE BLUESPOTS

Nach sieben Jahren trete ich als Künstlerische Leitung von BLUESPOTS PRODUCTIONS zurück. Im Jahr 2011 gründete ich das freie Ensemble und könnte heute kaum glücklicher sein. Wir haben viel geschaffen, Preise gewonnen, eine dreijährige Förderung von der Stadt Auxburg bekommen, kompromisslos gearbeitet und ein famoses Publikum. Trotzdem ist es an der Zeit für mich weiterzuziehen. BLUESPOTS bleibt als Kollektiv bestehen und auch es ist befreiend, wenn man merkt, dass eine Idee größer wurde als man selber. Mit diesem Brief habe ich meinem Ensemble meine Entscheidung erklärt und will ihn gerne mit euch teilen. 

 

Liebes Ensemble,

 

in mir wächst ein Gefühl heran, das ich mittlerweile kenne und doch kann ich ihm nicht angstfrei begegnen. Wieder wird mir alles zu eng, wieder fehlt mir die Luft zum Atmen und Schaffen und wieder bricht ein Korsett. Ich häute mich.

Vor 14 Jahren habe ich mein Elternhaus, mein Heimatland, meine Sprache und meine vorgesehene Zukunft hinter mir gelassen. Statt Petra zu bleiben, bin ich Leonie geworden. Auch so viele Jahre später kann ich es kaum anders beschreiben, als ein instinktives Wissen um meinen Weg und ein konkretes Wissen darum was nicht zu mir gehört. Diese Entscheidung war nie leicht und doch so klar, dass eine gewisse Leichtigkeit damit einherging. Diese Leichtigkeit war nötig, um die Albträume, die Einsamkeit, die Zweifel und den Zorn zu bezwingen. 

 

Vor sieben Jahren bin ich freiberuflich als Künstlerin tätig geworden. Auch diese Entscheidung war mit sehr vielen Ängsten verbunden. Es ist ja geradezu grotesk von sich selber zu sagen man sei Autorin und Regisseurin, wenn man kaum etwas nennenswertes geleistet hat. Lange hatte ich überlegt zu promovieren und mich hinter diesem Schutzschild zu verstecken, aber wieder war diese glasklare Stimme da, die sagte, dass jetzt nicht die Zeit zum Verstecken spielen sei. Ich sollte raus und der Welt sagen wer ich sein möchte, um dann in diese Rolle hineinzuwachsen. Diese Jahre waren finanziell, emotional und künstlerisch so unfassbar fordernd und doch zählen sie zu den glücklichsten. Das wurden die ersten Jahre mit BLUESPOTS. Unsere ersten Gehversuche. Unser Erwachen. Lange dachte ich, dass mich meine Ideen und mein Innenleben von den Menschen trennen würden und zu sehen, dass meine Ideen verbinden können und andere dazu begeistern mitzuarbeiten, war so eine magische Erkenntnis. Wir sind oft geflogen und haben Naivität und Größenwahn ständig herausgefordert. 

 

Ich habe einen Schaffens- und Freiheitstrieb in mir, der mich oft selber ängstigt. Viele sehnen sich nach Freiheit, weil sie nur ihr Abbild kennen und die Sehnsucht nach ihr. Das wahre Gesicht von Freiheit ist nicht nur schön. Sie ist einsam. Sie ist ungeduldig. Sie ist anspruchsvoll. Sie zwingt dich immer wieder dich ernsthaft zu betrachten. Sie erlaubt keine Umwege. Sie verlangt Opfer. Sie treibt dich raus. Sie führt dich an alle Grenzen und selten zurück. 

Wir suchen uns nicht immer unsere Wege aus. In mir gibt es sicherlich einen Teil, der sich nach einem Zuhause sehnt, aber wenn ich in mich horche, dann weiß ich, dass dieser Weg im Moment nicht meiner ist. Hunderte von Texten schlummern in mir, mein Geist will lernen und mein Herz will heilen und mein Körper will die ganze Welt erleben. 

 

Schon im letzten Jahr war ich weniger und weniger in Auxburg. Etwas verschiebt sich in mir. Ich empfinde plötzlich gewisse Nachrichten und Kommentare als Kontrolle. Ich fühle mich eingeengt und alleine, weil meine Ziele nicht mehr denen unseres Ensembles entsprechen. Darüber habe ich lange nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Problem nicht BLUESPOTS ist, sondern ich. Alles was ich vor sieben Jahren wollte ist wahr geworden und schon dreht sich der Wind für mich und ich suche neue Aufgaben. Ich will weiter, ich will deutschlandweite Projekte, ich will am liebsten ein Büro in Berlin, ich will international arbeiten und reisen. Im Letzten Jahr habe ich versucht diesen Traum zu teilen und Leute mitzuziehen und auch dafür zu begeistern, aber das hat zum Glück nicht funktioniert. Bluespots ist ein Augsburger Ensemble und hat hier seinen Platz, sein Publikum, seine Menschen und seine Förderung.  Es ist also mein Platz im Ensemble, der nicht mehr stimmt. 

 

Und so bleibe ich wohl dem Sieben-Jahres-Rhythmus treu und beginne wieder meine Häutung. Wahrscheinlich läutete die Aufgabe meiner Wohnung diese neue Ära ein. Und jetzt höre ich die Glocken und spüre wie sich alles in mir auf ein neues Kapitel vorbereitet. Wieder spaltet sich ein Teil in mir ab und wieder habe ich Angst davor, aber mittlerweile auch ein Vertrauen darin, dass alles seine Richtigkeit hat. 

 

Früher war ich viel weicher und unsicherer. Für jeden Text habe ich Feedback gebraucht. Vor jeder Leseprobe wäre ich fast gestorben. Ich wußte nie ob Texte gut sind oder nicht. Ich habe den Austausch mit dem Ensemble mehr als alles andere gebraucht. Das hat sich verändert. Ich bin sicherer in mir selber geworden und dass Danke euch.

 

Bei der Frage wer wir sein wollen, kann uns niemand gänzlich beraten, aber ich würde mir weiterhin wünschen, dass BLUESPOTS ein Raum ist, in dem diese Frage Platz hat und die Kunst an einen Wesenskern der Menschen gebunden wird. Für mich war BLUESPOTS der beste Experimentierraum auf der ganzen Welt. Dank euch allen habe ich meine Stimme gefunden. Jetzt übergebe ich den Raum an euch als Kollektiv und Einzelmenschen. Nutzt ihn. Stellt fragen. Probiert euch aus. Formuliert euren Beitrag zum Theater. So viel ihr rein gebt, bekommt ihr raus. 

 

Und vergesst nie: GEBT EUCH EUER MANDAT ZU SPRECHEN SELBER. Keine Förderung beauftragt euch. Keine Auftraggeber beauftragt euch. Ihr gebt euch euer Mandat zu sprechen selber. 

 

Ich bin jedem von euch unendlich dankbar. Vor allem allen Headquarter Mitgliedern über die Jahre und allen voran Lisa, die seit sieben Jahren dabei ist und euch alle brauchen wird. Es wird nicht eine bestimmte Person meine Nachfolge sein. Ihr seid es alle. 

 

Mit Liebe, 

Leonie